Sonderpreisträger

ICONIC AWARDS 2025

Architects of the Year – Lina Ghotmeh – Architecture

© David Levene

Seit Gründung ihres in Paris ansässigen Architekturbüros im Jahr 2016 gewinnt Lina Ghotmeh international stetig an Aufmerksamkeit. In Anerkennung ihres bisherigen Schaffens wurde die französisch-libanesische Architektin bereits 2023 für die Gestaltung des prestigeträchtigen Serpentine Pavilion nach London eingeladen. Spätestens seit dieser Zeit ist sie mit ihren Positionen nicht mehr von der Bildfläche wegzudenken. Lina Ghotmeh Architecture (LGA) steht für ein Planungsverständnis, das den Einsatz von nachhaltigen Praktiken und Materialien zur Kernvoraussetzung all seiner Projekte macht. Konzeptionell greift das Büro immer wieder regionale Bezüge und Spuren der Geschichte des jeweiligen Ortes auf, wie zum Beispiel für die neue Lederwarenwerkstatt von Hermès in der Normandie oder das „Stone Garden“-Wohngebäude in Beirut, das sowohl die Kriegsgeschichte als auch Libanons Bautradition reflektiert. Neben Bauaufgaben in den Bereichen Wohnen, Kultur und Mischnutzung begegnet man Ghotmehs Werk in Form von temporären Strukturen oder Ausstellungsgestaltungen.

© Iwan_Baan

Jurybegründung

Lina Ghotmeh beeindruckt anhand ihres Schaffens, indem sie gemäß dem selbst formulierten Leitsatz „Archeology of the Future“ das, was war, mit dem, was werden soll, in ein narratives Zusammenspiel setzt. Für ihre Arbeit tauchen die Architektin und ihr Team tief in die lokale Geschichte ein, um für ihre Bauaufgaben Antworten hinsichtlich Authentizität, Materialität, sozialer Fragen sowie Aspekten der Nachhaltigkeit zu finden. Zuletzt überzeugte das Büro mit dem Pavillon für den Inselstaat Bahrain zur Expo 2025 in Osaka, Japan. Unter dem Projekttitel „Anatomy of a Dhow“ schuf das Büro eine moderne Form von Fachwerk, das von Dau-Segelbooten inspiriert und somit als Brücke zwischen der maritimen bahrainischen Identität und japanischer Holzbaukunst zu verstehen ist – und damit einen interkulturellen Dialog über sensible, reversible Architektur mit geringem ökologischem Fußabdruck und mit wiederverwertbaren Rohstoffen anstößt. Für ihre ganzheitliche Herangehensweise verdient sich Lina Ghotmeh Architecture den Titel „Architects of the Year 2025“.

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Interior Designers of the Year – Lucas Muñoz Muñoz

© Francesco Stelitano

In der spanischen Designszene hat sich Lucas Muñoz Muñoz längst als feste Größe etabliert. Auch international macht sich der Anfang Vierzigjährige, in Madrid ansässige Designer und Künstler derzeit einen Namen. Seine Handschrift ist dabei geprägt von einem radikalen Gestaltungsansatz, vom scheinbar Improvisierten und Unfertigen. In seinen Interior-Projekten paart Muñoz spielerisch kombinierte Readymades und kontemporäre Eyecatcher mit rohen, industriell anmutenden Elementen und erreicht so eine Ästhetik des Unprätentiösen, des Temporären, das mitunter wiederverwendet ist und schließlich auch wiederverwendbar sein soll. Kunst oder Design? Bei den von ihm gestalteten Objekten gelingt es Muñoz oft, die Grenzen zu verwischen. Seine Designausbildung erfuhr der Spanier in Madrid und am Central Saint Martins College of Art and Design in London; an der Design Academy Eindhoven fügte er einen Master in Contextual Design an. Neben etlichen freien Arbeiten zählen Marken wie On Running oder LZF Lamps zu seinen Kunden. Jüngst beeindruckt er mit einer Installation im Länderpavillon von Spanien auf der Architekturbiennale in Venedig 2025.

© Gonzalo Machado

Jurybegründung

Die Utopie vom Interior-Design, das für das Jetzt geschaffen ist und jederzeit problemlos an veränderte Bedürfnisse angepasst werden kann – im Werk von Lucas Muñoz Muñoz geht sie in Erfüllung. Anhand realisierter Projekte, in denen mal Enzo Maris berühmte DIY-Reihe „Autoprogettazione“ aufgegriffen wird und man sich anderswo an Fragmente des Anti-Designs erinnert fühlt, lässt sich dabei ein neuer, starker Impuls für das spanische Design ablesen, das zwanglos wirkt und zum respektvollen Umgang mit bestehenden Ressourcen in neuen Kontexten inspiriert. Ganz klar: Muñoz ist eine der spannendsten Stimmen im zeitgenössischen spanischen Design – nicht nur, weil er zwischen Kunst sowie Produkt- und Interiordesign oszilliert, sondern weil er erzählende Objekte und Orte schafft, die kritisch den Zeitgeist reflektieren und gleichzeitig neue Ansätze für das Design bieten. Ein Paradebeispiel, das die nachhaltige Herangehensweise von Muñoz unter Beweis stellt, ist das Restaurant MO de Movimiento in Madrid. Bei der Entwicklung des Interiors verfolgte sein Team eine kompromisslose Strategie des Up- oder Recyclings von Materialien, die zum Großteil aus dem Abbruch des Bestandes vor Ort stammen, und entwirft Möbel und Objekte aus vorgefundenen Materialien. Für die Klimatisierung des Gastraumes entwickelte Muñoz auffällige Terrakotta-Volumen, die die Luft auf Basis eines Verdunstungsprinzips herabkühlen. Merke: Mehr Experiment wagen!

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Architects’ Client of the Year – Kinderspital Zürich

© Iwan Baan

In Zürich hat das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron im Auftrag der Eleonorenstiftung als privater Trägerin das Universitäts-Kinderkrankenhaus realisiert – einen Komplex, der die Bedürfnisse der jungen Patient*innen und ihrer begleitenden Angehörigen ernstnehmen will und der ihre Fantasie anregen und ihnen so ein Stück weit Furcht vor einem medizinischen Aufenthalt nehmen soll. Die Architekt*innen folgen damit dem Prinzip der „Healing Architecture“, das den Menschen stärker in den Fokus rückt und ihm anstelle kostenoptimierter Behandlungsroutinen erhöhte Aufmerksamkeit hinsichtlich ihres Wohlbefindens zuteilwerden lässt. In diesem Projekt erreichen dies Herzog & de Meuron, indem sie den kindlichen Maßstab im Blick behalten: Sie unterteilen den dreistöckigen Bau visuell in kleinteilige Fragmente, die sie wegen ihrer Holzfassade an Baumhäuser erinnern lassen. Dank großzügiger Panoramafenster wird zudem immer wieder die Aussicht in Parkanlagen und begrünte Lichthöfe begünstigt. Diese Atmosphäre schafft Vertrauen und Geborgenheit trotz aller notwendigen Funktionalität.

© Iwan Baan

Jurybegründung

Lange hat es gedauert – vom Landtausch mit dem Kanton zugunsten eines weitläufigeren Grundstücks 2009 über den Architekturwettbewerb 2011 sowie die Planungs- und Bauphase –, bis das Kinderspital Zürich im Jahr 2024 an seinem neuen Standort am östlichen Stadtrand einziehen konnte. Die Eleonorenstiftung als Bauherrin und private Trägerin des Kinderkrankenhauses bewies ihre Ausdauer und ihren visionären Mut, sich im Sinne ihrer jungen Patient*innen für einen gar nicht so klinisch wirkenden Neubau zu entscheiden. Umgeben von zahlreichen Gesundheitseinrichtungen im Klinikquartier Lengg setzt das Kinderspital einen Akzent, der die sozialen Aspekte von Architektur zum Ausdruck bringt. Es braucht weitblickende und entschlossene Bauherren wie die Eleonorenstiftung, um Kliniken entstehen zu lassen, die strukturell und visuell das zum Ausdruck bringen, was sie sind – ein Ort der Genesung.

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Creator of the Year – Mariam Issoufou

Zunächst als Computeringenieurin ausgebildet, entschied sich Mariam Issoufou erst mit Anfang dreißig für einen Neustart in der Architektur. Ihren Mastertitel in Architektur erlangte sie 2013 an der University of Washington. Seither erforscht sie in ihren vielfach auf ihr Heimatland Niger konzentrierten Projekten die Verwendung von lokalen Baumaterialien und -techniken sowie die Möglichkeiten gesellschaftlicher Begegnung im öffentlichen Raum. Zu den realisierten Bauten zählen der Hikma Community Complex im nigrischen Ort Dandaji und der Wohnkomplex Niamey 2000 in der Hauptstadt von Niger. Mariam Issoufou Architects halten Büros in Niamey, New York City und Zürich. Als akademische Mentorin ist Mariam Issoufou allerdings mehr noch als hinsichtlich ihrer bisherigen Praxis für ihr Engagement im Bereich der intersektionalen Nachhaltigkeit, also der Verbindung von Umweltthemen und sozialer Gerechtigkeit, bekannt geworden. An der ETH Zürich lehrt sie seit 2022 als Professorin für Architektonisches Erbe und Nachhaltigkeit.

© James Wang

Jurybegründung

Mariam Issoufou erhält den Titel „Creator of the Year“ für ihren erstaunlichen und engagierten Werdegang sowie ihr Wirken, das weit über die Architektur hinaus in die Gesellschaft hinein reicht. Innerhalb weniger Jahre hat sich die nigrische Architektin als eine der bedeutendsten Vertreter*innen einer sozialen und nachhaltigen Stadtentwicklung auf dem afrikanischen Kontinent etabliert und trägt damit zur Entfaltung postkolonialer Identitäten bei. Ein entscheidender Bestandteil davon ist die Interpretation von traditionellen und im Grundsatz ressourcenschonenden Bauweisen – etwa unter Verwendung von Stampflehm und Lehmziegeln – zu zeitgenössischen Komplexen mit gesellschaftlicher Strahlkraft. Ihre Erkenntnisse über den Weg hin zu einer zukunftsoptimistischen Baukultur aus afrikanischer Sicht teilt Issoufou als Professorin für Architektonisches Erbe und Nachhaltigkeit an der ETH Zürich, aber auch innerhalb von Ausstellungen wie zur Architekturbiennale 2023 in Venedig. Ein Schwerpunkt ihrer Lehre liegt dabei auf Fragen der Dekolonisierung, auf Überlegungen, wie sich tiefverwurzelte Annahmen, kolonialisiertes Wissen und Denkweisen in Forschung, Lehre und Praxis überwinden lassen. Ihr vielfältiges Werk und ihr engagiertes Wirken auf unterschiedlichsten Ebenen verdienen eine besondere Ehrung! Von ihr können, nein, sollten nicht nur jüngere Architekt*innen, sondern auch ältere Generationen unbedingt lernen.

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Debut Work of the Year – Gustav Düsing & Max Hacke für das Studierendenhaus in Braunschweig

© Leonhard Clemens

Mit dem Studierendenhaus nach den Entwürfen der beiden Architekten Gustav Düsing und Max Hacke erhält die Technische Universität Braunschweig nicht nur einen neuen Zeichensaal für die Architekturfakultät – wie es ursprünglich angedacht war. Ihr Konzept, mit dem sich die Jungarchitekten in einem unter wissenschaftlichen Mitarbeitenden ausgeschriebenen Wettbewerb durchgesetzt haben, steht inzwischen allen Studierenden als ein vielseitiger Ort für Begegnungen und zum Lernen auf dem Zentralcampus zur Verfügung. Die filigrane, zweigeschossige Stahlskelettkonstruktion wirkt funktional, die transparente Hülle des Neubaus einladend. Der Innenraum wird von einem Open Space bestimmt, der verschiedene Zonen für Gruppenarbeiten, Seminare oder spontanen Austausch vorhält und somit eine Ergänzung zu existierenden Raumtypologien der Universität bietet. Auf Wände wird – abgesehen von dem den Sanitärtrakt und das Café umfassenden Gebäudekern – gänzlich verzichtet, ebenso auf zentrale Erschließungsflächen, sodass alle Bereiche wie Inseln über ein Netz aus Treppen und Stegen zu erreichen sind. Sollten sich die Bedürfnisse an den Bau einmal ändern, sieht der Entwurf zudem eine flexible Neustrukturierung der Grundrisse und sogar eine komplette Demontage der verschraubten Konstruktionselemente vor und wirkt so einer möglichen Obsoleszenz entgegen.

© Iwan_Baan

Jurybegründung

In ihrer Kollaboration für den Neubau des Studierendenhauses der Technischen Universität Braunschweig gelingt es Gustav Düsing und Max Hacke (beide aus Berlin), eine Antwort auf die Bedürfnisse des nachpandemischen Universitätsalltags zu finden. Während zahlreiche Vorlesungsveranstaltungen und Präsentationen mittlerweile online stattfinden, bildet der Neubau einen Begegnungs- und Identifikationsort für Studierende und Lehrende aller Studiengänge. Eine Besonderheit ist, dass der Raum gänzlich ohne hierarchische Ordnung konzipiert ist und somit ein Gegenmodell zum gewohnten Gegenüber im akademischen Kontext aufzeigt, wie man es zum Beispiel aus Hörsälen kennt. Beeindruckend ist die konsequente Einbeziehung von Nachhaltigkeitsprinzipien: So kann die Struktur, die aus nur wenigen unterschiedlichen Komponenten besteht, im Falle veränderter Bedürfnisse nicht nur umgestaltet oder erweitert werden – die Stahl-Holz-Hybridkonstruktion lässt sich ebenso wie die modular gestaltete Fassade in Einzelteile zurückbauen und anderweitig nutzen. Gustav Düsing und Max Hacke haben die Gelegenheit ergriffen, aus einem Wettbewerb – der bewusst der Nachwuchsförderung, mit einem starken Statement für die Architekturbranche der Zukunft dient – hervorzugehen. In ihrem Entwurf beweisen sie eine erfrischende Radikalität, die etablierten Gestaltenden oft fehlt. Für die Umsetzung wählten sie die kollaborative Form einer ARGE – einen Weg, mit dem insbesondere junge Architekt*innen die Chance auf umfassendere Projekte und schließlich mehr Sichtbarkeit erfahren.

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